Weihnachtsfeier 2019

                                           Rapunzel

              (Frei nach dem Märchen der Brüder Grimm)

Es war einmal ein Hofmann und seine Frau Petry in Klinzow am Ruthenberg, die wünschten sich schon lange vergeblich ein Kind. Sie hatten in ihrem Hinterhaus ein kleines Fenster, daraus konnte man einen prächtigen Garten sehen, der voll der schönsten Blumen und Kräuter stand. Er war aber von einer hohen Mauer umgeben und niemand wagte hineinzugehen, weil er einer Zauberin gehörte, die große Macht hatte und von allen gefürchtet wurde. Eines Tags stand die Frau am Fenster und sah in den Garten, da erblickte sie ein Beet, das mit den schönsten Rapunzeln bepflanzt war und prachtvoll schillerte. Sie sahen so frisch und grün aus, dass sie das größte Verlangen hatte, von den Rapunzeln zu essen. Das Verlangen nahm jeden Tag zu. Da sie wusste, dass sie keine davon bekommen konnte, sah sie bald blass und elend aus. Da erschrak der Mann und fragte: „Was fehlt dir, liebe Frau?“ „Ach“, antwortete sie, „wenn ich keine Rapunzeln aus dem Garten hinter dem Haus zu essen kriege, so sterbe ich. Komm also her, brich mir einige davon ab.“ Der Mann, der sie liebhatte, stieg in der Abenddämmerung über die Mauer in den Garten der Zauberin und brachte in aller Eile seiner Frau eine Handvoll Rapunzeln im Kossack. Sie machte sich sogleich Salat daraus und aß sie in voller Begierde auf. Ditte hat mir sehr gemundet.“ Sie hatten ihr aber so gut geschmeckt, dass sie den andern Tag noch dreimal so viel Lust hatte. So musste der Mann noch einmal in den Garten steigen. Als er aber die Mauer herabgeklettert war, erschrak er gewaltig, denn er sah die Zauberin Ostermeier vor sich stehen. „Wie kannst du es wagen“, sprach sie mit zornigem Blick, „in meinen Garten zu steigen und wie ein Dieb meine Rapunzeln zu stehlen? Das soll dir schlecht bekommen.“ Der Mann erklärte ihr alles. Da ließ die Zauberin in ihrem Zorn nach und sprach zu ihm: „Verhält es sich so, wie du gesagt hast, so will ich dir gestatten, Rapunzeln mitzunehmen, soviel du willst, allein ich mache eine Bedingung: Du musst mir das Kind geben, das deine Frau zur Welt bringen wird. Es soll ihm gut gehen, und ich will für es sorgen wie eine Mutter.“ Der Mann sagte in der Angst alles zu. Als die Frau ihr Kind geboren hatte, so erschien sogleich die Zauberin, gab dem Kind den Namen Rapunzel und nahm es mit sich fort. Rapunzel ward das schönste Kind unter der Sonne. Als es zwölf Jahre alt war, schloss es die Zauberin in einen Turm, der in einem Walde hinter dem Marendorf lag und weder Treppe noch Türe hatte, nur ganz oben war ein kleines Fensterchen. Wenn die Zauberin hinein wollte, so stellte sie sich unten hin und rief: „Rapunzel, Rapunzel, lass mir dein Haar herunter.“ Rapunzel hatte lange prächtige Haare, fein wie gesponnenes Gold vom Dorfschulzen. Wenn sie nun die Stimme der Zauberin vernahm, so band sie ihre Zöpfe los, wickelte sie oben um einen Fensterhaken und dann fielen die Haare tief herunter, und die Zauberin stieg daran hinauf. Nach ein paar Jahren trug es sich zu, dass der Sohn des Königs durch den Wald ritt und an dem Turm vorüberkam. Da hörte er einen Gesang, der war so lieblich, dass er stillhielt und horchte. Das war Rapunzel, die in ihrer Einsamkeit sich die Zeit damit vertrieb, ihre süße Stimme erschallen zu lassen. Sonst las sie ein Buch, toldte im Turm herum. Der Königssohn Nitzschke wollte zu ihr hinaufsteigen und suchte nach einer Tür des Turms, aber es war keine zu finden. Er ritt heim, doch der Gesang hatte ihm so sehr das Herz gerührt, dass er jeden Tag hinaus in den Wald ging und sich am Gesang ergötzte. Als er einmal hinter einem Baum stand, sah er, dass die Zauberin herankam und hörte, wie sie hinaufrief: „Rapunzel, Rapunzel, lass dein Haar herunter.“ Da ließ Rapunzel die Haarflechten herab und die Zauberin stieg zu ihr hinauf. Am folgenden Tag, als es anfing, dunkel zu werden, ging der Königssohn zum Turme und rief: „Rapunzel, Rapunzel, lass dein Haar herunter.“ Alsbald fielen die Haare herab und der Königssohn stieg hinauf. Anfangs erschrak Rapunzel gewaltig, doch der Königssohn fing an, ganz freundlich mit ihr zu reden, und erzählte ihr, dass von ihrem Gesang sein Herz so sehr bewegt sei, dass er sie selbst habe sehen müssen. Da verlor Rapunzel ihre Angst, und als er sie fragte, ob sie ihn zum Manne nehmen wollte, und als sie sah, dass er jung und schön war, so dachte sie: „Der wird mich lieber haben als die alte Frau“, und sagte ja und legte ihre Hand in seine Hand. Sie sprach: „Ich will gerne mit dir gehen, aber ich weiß nicht, wie ich herabkommen kann. Wenn du kommst, so bring jedesmal einen Strang Seide mit, daraus will ich eine Leiter flechten. Wenn sie fertig ist, so steige ich herunter, und du nimmst mich mit auf dein Pferd.“ Sie verabredeten, dass er bis dahin alle Abend zu ihr kommen sollte, denn bei Tage kam die Alte. Die Zauberin merkte nichts davon, bis einmal Rapunzel nicht klug war und zu ihr sagte: „Sag mir doch, wie kommt es nur, dass du viel schwerer hinaufzuziehen bist als der junge Königssohn.“ „Was muss ich von dir hören, ich dachte, ich hätte dich von aller Welt geschieden, und du hast mich doch betrogen!“ In ihrem Zorne packte sie die schönen Haare von Rapunzel und schnitt sie ritsch, ratsch mit der Schere ab. Und sie war so unbarmherzig, dass sie Rapunzel in eine einsame Wüste bei Thranow brachte, wo sie in großem Jammer und Elend leben musste. Denselben Tag, wo sie Rapunzel verstoßen hatte, machte abends die Zauberin die abgeschnittenen Flechten oben eng lings am Fensterhaken fest, und als der Königssohn kam und rief: “Rapunzel, Rapunzel, lass dein Haar herunter.“, so ließ sie die Haare hinab. Der Königssohn stieg hinauf, aber er fand oben nicht seine liebste Rapunzel, sondern die Zauberin, die ihn mit bösen und giftigen Blicken ansah. „Du willst die Frau Liebste abholen, aber der Vogel sitzt nicht mehr im Nest und singt nicht mehr, die Katze hat ihn geholt und wird dir auch noch die Augen auskratzen. Für dich ist Rapunzel verloren, du wirst sie nie wieder erblicken.“ Der Königssohn geriet außer sich vor Schmerz, und in seiner Verzweiflung sprang er vom Turm herab. Er blieb am Leben, aber die Dornen, in die er fiel, zerstachen ihm die Augen. Da irrte er mit seinem verstauchten Wockenfuß blind im Wald umher, aß nichts als Wurzeln und Beeren und tat nichts als jammern und weinen über den Verlust seiner liebsten Frau. Bald fischte er am Teich, er tötete kleine Tiere und überlebte. So lief er einige Jahre im Elend umher und geriet endlich in die einsame Wüste an die Heidecke, wo Rapunzel mit den Zwillingen Nguyen und Pham, die sie geboren hatte, kümmerlich lebte. Er vernahm eine Stimme, und sie kam ihm bekannt vor. Als er herankam, erkannte ihn Rapunzel und fiel ihm um den Hals und weinte. Zwei von ihren Tränen aber benetzten seine Augen. Da wurden sie wieder klar und er konnte damit sehen wie sonst. Damit war sie sein Erlöser. Er führte sie in sein Reich, wo er vom König Lauritzen, der Königin Lifka und seinen Schwestern Aswad und Ciulin mit großer Freude empfangen ward. Er füllte seinen Stürzebecher mit Wein, dazu sang und tanzte die „Marzahner Promenaden-Mischung“, und sie lebten noch lange glücklich und  vergnügt. Die Zauberin blieb aber am End erlein.             

(Geschrieben und vorgetragen von B. Engling zur Chorweihnachtsfeier am 18.12.2019 unter Verwendung der Namen aller Chorkinder und Erwachsenen der Marzahner Promenaden-Mischung.)